Forschungsprogramm
Das Ziel
Der SFB 884 möchte neue Erkenntnisse über Hürden für politischen Reformvorhaben in Wohlfahrtsstaaten gewinnen. Zu diesem Zweck versammeln sich unter dem Dach des multidisziplinären Sonderforschungsbereichs mehr als 20 Doktoranden und Postdoktoranden aus der Volkswirtschaft, Politikwissenschaft und Soziologie. Die Projekte, die am SFB 884 durchgeführt werden, untersuchen unterschiedliche Aspekte der politischen Ökonomie von Reformvorhaben, vor allem individuelle Einstellungen zu Reformen und deren Aggregation zu organisierten Interessen (Projektgruppe A), den Kontext und die räumliche Dimension von Reformen in Wohlfahrtsstaaten (Projektgruppe B) sowie die politischen Reformprozesse mit Fokus auf der Rolle von politischen Parteien und Regierungen (Projektgruppe C).
Interdisziplinärer Ansatz
Die aus den unterschiedlichen Disziplinen kommenden Forscher streben gemeinsam an, die Aussagekraft von konkurrierenden theoretischen Modellen aus einer polit-ökonomischen Perspektive empirisch überprüfen zu wollen. Durch interdisziplinäre Kooperation soll empirisch bestimmt werden, ob und in welchem Maß Akteure (Bürger, Interessengruppen, politische Partien, Regierungen) Reformvorhaben aufgrund der für sie verfügbaren Information rational bewerten und ob bzw. inwiefern sie die Auswirkungen komplexer Reformvorschläge verstehen. Es ist zu erwarten, dass die Forschungsergebnisse wichtige Implikationen für das wissenschaftliche Verständnis von Reformen und deren Durchführung haben und dass auch praktische Ratschläge für politische Entscheidungsträger abgeleitet werden können.
Methodische Ausrichtung
Der Forschung im SFB 884 unterliegt eine methodische Vorgehensweise bei der Untersuchung von Reformprozessen, mit der die Projekte das Ziel verfolgen, die terminologische Schwammigkeit des Reformbegriffs zu überwinden. Empirisch versuchen die Projekte einen Selektionsbias zu vermeiden, der in der Reformliteratur aus einer Konzentration auf gescheiterte Reformen anstatt auf misslungene und erfolgreiche Reformvorhaben herrührt. Um dem Anspruch gerecht werden zu können, konkurrierende Ansichten auf Reformprozesse empirisch zu überprüfen, fördert der SFB 884 die Entwicklung neuartiger ökonometrischer Verfahren zur Analyse komplexer Reformprozesse, die sich durch das gleichzeitige Auftreten von Themen und Akteuren auszeichnen, deren Positionen sich über die Zeit ändern können. Zu diesem Zweck erhebt und verwaltet das Datenzentrum des SFB 884 eine große Menge von Daten über Reformprozesse in Deutschland und anderen Wohlfahrtsstaaten.
Ein Ziel - Drei Forschungsgruppen
Der polit-ökonomischen Ansatz, den die Projekte zur Untersuchung von politischen Reformvorhaben anlegen, erfordert gemeinsame Anstrengungen bei der Sammlung von Daten, die Bewertung/Überprüfung unterschiedlicher Perspektiven auf Reformprozesse und eine langfristige Forschungsstrategie. Der Sonderforschungsbereich ist daher in drei spezifische Forschungsgruppen unterteilt:
Gruppe A: Individuelle Einstellungen und Aggregation von Reforminteressen auf mehreren Ebenen
Gruppe A konzentriert sich auf die Mikrofundierung von Reformvorhaben, d.h. die Bildung und Aggregation der Einstellung und Interessen von Akteuren. Theoretisch wird dabei in erster Linie auf die Instrumente der Spiel- und Mechanism Design-Theorien zurückgegriffen, die es erlauben, die Machbarkeit von Reformvorhaben unter (un)vollständiger Informationslage über individuelle und kollektive Kosten und Nutzen von Reformvorhaben zu untersuchen. Die theoretische Analyse wird die empirische Forschung leiten. Für Letztere sollen Daten zu individuellen Reformpräferenzen, reformbezogenem Wissen und Erwartungen sowie Experimenten gewonnen werden. Beispielsweise werden in Experimenten Teilnehmer mit verschiedenen Stimuli konfrontiert, die unterschiedliche Politikoptionen und deren wahrscheinliche Konsequenzen darstellen.
Gruppe B: Die räumliche Dimension der Durchführung von Reformen in Wohlfahrtsstaaten
Ein zweiter Forschungsschwerpunkt des SFB 884 untersucht den räumlichen Kontext von Reformvorhaben, d.h. Unterschiede in den Rahmenbedingungen zwischen Ländern, Regionen und Politikbereichen. Die Projekte in diesem Bereich untersuchen beispielsweise Arbeitsmärkte, soziale Sicherungssysteme und den öffentlichen Sektor. Die quantitative Analyse der sektoralen Reformen bezieht die kontextbezogenen Implikationen sowohl von Reformerfolgen wie auch –misserfolgen ein. Ein besonderer empirischer Schwerpunkt dieser Forschung wird auf der ex-post Bewertung von politischen Reformvorhaben liegen. So soll über Länder und Sektoren verglichen werden, warum einige Reformvorhaben scheitern, während andere (in anderen Ländern oder Sektoren) gelingen.
Gruppe C: Der politische Prozess von Reformvorhaben
Diese Forschungsgruppe konzentriert sich auf den politischen Prozess, der zur Vorbereitung, Verabschiedung und Umsetzung von Reformvorhaben beschritten wird. Die Projekte untersuchen diese zeitliche Dimension, indem sie Maße für die Notwendigkeit von Reformvorhaben sowie für die Motivationen und die Einschränkungen, denen politische Akteure bei der Initiierung und Annahme von Reformvorhaben unterliegen, entwickeln,. Die empirische Analyse wird neue Erfassungstechniken benutzen, um das Reformpotential und die Positionen der politischen Akteure, die in den politischen Prozess eingebunden sind, zu bestimmen. Schließlich wird hier der Frage nachgegangen, inwieweit Reformpotenziale ausgeschöpft werden und aufgrund welcher Hürden Kompromisse geschlossen oder Reformvorhaben revidiert werden.
Das Datenzentrum
Das Datenzentrum stellt die Kerninfrastruktur des SFB 884 und wird eine online Panel Umfrage aufbauen, um Daten zu individuellen Einstellungen und Präferenzen von Akteuren zu gewinnen, die für die Erforschung ihrer Aggregation, den Kontexten und den Entscheidungsprozessen von Reformvorhaben wichtig sind. Das Datenzentrum wird ebenfalls die Infrastruktur für zusätzliche Umfrageinstrumente für politische Eliten bereitstellen. Diese Daten werden gemeinsam von den Forschern genutzt und schließlich der Forschungsgemeinschaft zur Verfügung gestellt.


